Carina Konrad

Zukunft der beruflichen Bildung

Im Gespräch mit Dr. Jens Brandenburg
Carina Konrad und Dr. Jens Brandenburg

Mein Kollege Dr. Jens Brandenburg ist der Sprecher für Studium, berufliche Bildung und lebenslanges Lernen der FDP-Bundestagsfraktion. In der parlamentarischen Sommerpause hat er mich in meinem Wahlkreis (Mosel/Rhein-Hunsrück) besucht, um über die Ursachen des Azubi- und Fachkräftemangels insbesondere in ländlichen Regionen zu sprechen und über mögliche Lösungen nachzudenken. Gemeinsam haben wir uns am Nachmittag bei BOMAG in Boppard ein erfolgreiches Ausbildungsprogramm angesehen. Am Abend haben wir mit Unternehmern aus dem Wahlkreis und anderen Experten über das Thema berufliche Bildung gesprochen.

Jens, viele Betriebe haben Schwierigkeiten, Azubis zu finden. Worauf führst du das zurück?

JB: Fast 49.000 Ausbildungsplätze blieben im letzten Jahr unbesetzt. Auf der anderen Seite gab es aber auch fast 24.000 junge Menschen, die keinen passenden Ausbildungsplatz gefunden haben. Das hat verschiedene Ursachen: Bei manchen Berufen, zum Beispiel im Lebensmittelhandwerk oder in der Gastronomie, gibt es ein großes Angebot an Ausbildungsplätzen, aber weniger Bewerber. Hier sollten Unternehmen, Branchen und die Politik an der Attraktivität dieser Berufe arbeiten. Die Bezahlung kann dafür ein Faktor sein. Hilfreich sind auch Azubis, die in Schulen über ihre Erfahrungen berichten und für ihre Berufe werben. Bei anderen Berufen, vor allem im kaufmännischen Bereich, ist die Nachfrage größer als das Angebot. Hier müssen wir nicht vermittelte Bewerberinnen und Bewerber unterstützen, für sie interessante Alternativen zu finden.

Generell ist eine solide Berufsberatung ein wichtiger Baustein, um jungen Leuten zu helfen, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen, auf interessante Berufe aufmerksam zu werden und sich in dieser wichtigen Phase zurechtzufinden. Das schließt die Gymnasien mit ein. Berufliche Bildung muss dort wieder stärker als gleichwertige Alternative zur akademischen Ausbildung wahrgenommen werden.

CK: Was kann Politik tun, um berufliche Bildung attraktiver zu machen?

JB: Wir brauchen ein Update für die berufliche Bildung, um wieder mehr junge Menschen dafür zu begeistern. Als FDP-Bundestagsfraktion haben wir dazu bereits zahlreiche Vorschläge gemacht: Wir fordern eine Exzellenzinitiative berufliche Bildung. Dabei sollen in einem bundesweiten Wettbewerb innovative Lehrkonzepte gefördert werden. Um die digitalen Ausbildungsangebote aktiv weiterzuentwickeln, wollen wir ein bundesweites Zentrum für digitale Berufsbildung einrichten. Und um mehr Azubis internationale Erfahrung zu ermöglichen, wollen wir eine europäische Austauschagentur für die berufliche Bildung einrichten.

CK: Ist jeder Student richtig an der Uni/FH?

JB: Wir dürfen berufliche und akademische Bildung nicht gegeneinander ausspielen. Jede/r Schulabgänger/in sollte die Ausbildung wählen, die am besten seinen/ihren Interessen und Talenten entspricht. Dafür müssen die Schüler/innen aber auch wissen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Gute Beratungsangebote in der Schulen können vielen jungen Menschen wertvolle Zeit beim Finden ihres persönlichen Weges sparen.

Dass die Zahl der Studienanfänger/innen in den letzten Jahren so deutlich gestiegen ist, liegt aber auch im Finanzierungssystem der Hochschulen begründet. Für die Länder und Hochschulen gibt es im bisherigen Hochschulpakt finanzielle Anreize,  möglichst viele Studierende zu immatrikulieren. Ob die Studienbewerber auch zum Studiengang passen oder am Ende erfolgreich sind, spielt dabei keine Rolle. Die Studien der letzten Jahre zeigen: Rund ein Drittel der Studierenden bricht das Studium ab oder wechselt das Fach. Das liegt sicher auch im verschlechterten Betreuungsverhältnis an den Hochschulen begründet. Professoren betreuen heute im Schnitt 72 Studierende – vor 10 Jahren waren es noch 62. Das wollen wir ändern. Wir wollen die Qualität des Studiums verbessern. Deshalb fordern wir in einem aktuellen Antrag im Bundestag eine Reform der Hochschulfinanzierung.

CK: Was muss in der schulischen Bildung besser werden?

JB: Unsere Schulen müssen endlich raus aus der Kreidezeit. Der Einsatz digitaler Lernmittel eröffnet für Schüler/innen und Lehrer/innen ungeahnte Möglichkeiten. Doch von der regulären Einbindung moderner Technik in das pädagogische Lehrkonzept sind wir noch weit entfernt. Es scheitert oft schon an der digitalen Infrastruktur der Schulen. Rund 90 Prozent aller Schulen verfügen nicht einmal über ausreichend schnelles Internet, um alle Schulklassen mit leistungsfähigem W-LAN auszustatten.

Um das Mondfahrtprojekt der Digitalisierung in den Schulen zu bewältigen, sind die Länder auf die finanzielle Unterstützung des Bundes angewiesen. Gemeinsam mit den Ländern und dem Bundestag muss die Bundesregierung daher schnellstmöglich eine vollständige Aufhebung des Kooperationsverbots auf den Weg bringen.

CK: Was ist dein Fazit nach einem Jahr im Bundestag?

JB: Es war ein aufregendes Jahr – persönlich wie politisch. Aus unserem Start-up ohne PCs, Räume und Mitarbeiter ist eine innovative und digitale Fraktion geworden. Als Serviceopposition treiben wir die schwarz-rote Bundesregierung in allen politischen Bereichen voran. Schade nur, dass die sich lieber mit sich selbst beschäftigt, statt dieses Land fit für die Zukunft zu machen.

CK: Vielen Dank für das Gespräch!