Carina Konrad

Schluss mit der Anbindehaltung

Bild: pd Fotografie

Mehr Freiheit für Kühe

Solange ich denken kann, gehören Tiere zu meiner Familie. Milchkühe prägten Jahrzehnte meinen Lebensalltag, und ich habe diese Arbeit von Kindesbeinen an geliebt.

Als ich klein war, wurden unsere Kühe im Anbindestall gehalten. Das Melken war beschwerlich, denn das schwere Melkzeug musste von meiner Großmutter und meinem Vater zweimal täglich zu jeder einzelnen Kuh getragen werden. Die Tiere standen dicht nebeneinander. Das Anhängen der Melkzeuge war somit nicht selten ein Spießrutenlauf zwischen schlagenden Schwänzen und fliegenden Klauen nervöser Tiere. Die meiste Arbeit spielte sich nicht am Tier, sondern hinter dem Tier ab: den Kotgang reinigen, melken. Die Temperaturen im Stall waren hoch. Was im Winter angenehm für die Menschen war, wurde im Sommer für Mensch und Tier zur Tortur. Mit der Hitze kamen die Mücken. Die Reaktion der Kühe darauf war Schwanzschlagen; was sollten sie auch sonst tun, am Hals waren sie ja fixiert. Die schwere Arbeit des Fütterns übernahmen bei uns bereits früh Maschinen, und so habe ich mit dem Kopf, den Augen – mit dem Tier selbst – in jungen Jahren kaum näheren Kontakt aufgenommen.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

In den frühen 90er Jahren baute mein Vater den alten, in die Jahre gekommenen Anbindestall um zu einen modernen Boxenlaufstall. Er entfernte die Zwischendecke, baute eine separate Liegehalle an und gestaltete dort, wo die Tiere früher angebunden waren, einen Futtertisch. Mein Großvater hatte damals große Bedenken, die Kühe frei laufen zu lassen, er befürchtete Verletzungen und Rangkämpfe. Was für eine Fehleinschätzung! Als die Tiere endlich frei laufen durften, blühten sie förmlich auf. Das war genau die Zeit, in der ich meine Liebe zu Kühen entdeckt habe. Die Freiheit im offenen Stall, mit frischer Luft, Tageslicht und freiem Zugang zu Futter und zu sauberen Liegeflächen hat die Leistung und das Wohlbefinden der Tiere enorm erhöht. Der Gewinn an Tierwohl war unmittelbar messbar.

Moderne Landwirte haben etliche Investitionen in die Modernisierung der Ställe und mehr Kuhkomfort vorgenommen. Heutzutage sind moderne Ställe, die neu gebaut werden, wahre Wellnessoasen für die Tiere. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Durch die neue Freiheit veränderte sich auch die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier. Heute unterstützen dabei zusätzlich digitale Anwendungen, die Parameter erfassen, die Einflüsse auf die Tiergesundheit haben. Der Mensch ist in der modernen Milchviehhaltung ein Partner der Tiere, der Betreuer, der Manager, der nur noch in die Freiheit des Tieres eingreift, wenn es unvermeidbar ist. Die Entwicklungen der Bestandsgrößen und der Lebensleistungen der Tiere wären ohne diese Weiterentwicklungen in der Milchviehhaltung niemals möglich gewesen.

Schluss mit der Anbindehaltung

Dass heute – 2019 – wo meine Erfahrungen über 30 Jahre zurückliegen, immer noch so viele Tiere ihr Leben lang angebunden gehalten werden, ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Eine Investition in moderne Boxenlaufställe ist in meinen Augen eine Investition ins Tierwohl und in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Betriebes. Wer an dieser Form der Tierhaltung weiterhin festhält und sogar nach Verlängerungen zur ganzjährigen Anbindehaltung ruft, ist nicht mit der Zeit gegangen, sondern vor Jahrzehnten stehen geblieben. Ich bin der Meinung, dass es eine Erlösung für Mensch und Tier wäre, wenn die Anbindehaltung endlich verboten würde. 2019 gibt es für mich keinen erklärbaren Grund mehr dafür, Kühe anzubinden. Die Branche sollte die Chancen dieser Debatte nutzen und sich selbst schnellstmöglich ein Enddatum für die Anbindehaltung setzen.

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